Nach mehreren Ausstellungen israelischer Künstler in Speyer und der Werkschau Speyerer Künstler in Yavne war es nahe liegend, dass Künstler aus den beiden Partnerstädten als Weiterentwicklung eine gemeinsame Aktion planten. Internetgestützt wurde das Projekt MEGILLA auf israelischer und deutscher Seite konzipiert. Bewusst verzichtete man auf eine inhaltliche Fixierung, um den Gestaltungsspielraum groß zu halten und das Spektrum persönlicher Artikulation weit. Formal einigte man sich auf Bilder in einem rollbaren Großformat, um den Transport zwischen Israel und Deutschland zu vereinfachen. Unter Berücksichtigung der Ausstellungsmöglichkeiten in Yavne einigte man sich auf ein Maximalmass von 340 cm x 100 cm. Diese Aktion mit den Bildrollen bekam den Namen: MEGILLA

Megilla (Mz. Megillot), hebräisch, "Buchrolle",

Bezeichnung für die fünf alttestamentlichen Schriften Hoheslied, Ruth, Klagelied, Prediger Salomo und Esther, die an jüdischen Festtagen gelesen werden. Meist ist mit „Megilla“ das Buch Esther gemeint. Alte Megilla-Rollen sind auf Pergament geschrieben, zusammengefügt und auf einem Stab aufgerollt. Im Gegensatz zu den meisten Schriftrollen erlaubt die Megilla neben Schrift auch bildliche Darstellungen.

Seit Anfang 2007 widmeten sich 46 Künstler aus Israel und Deutschland diesem interessanten Thema. Aus Israel kommen die Arbeiten von Vered Alon-Nol, Hagay und Batya‘ Argov, Haim Avraham, Gila Batai, Dan Birenboim, Zvi Cohen, Lea Dayan, Thomas Ditroi, Rachel Ezra, Smadar Goffen, Miri Goll, Dina Gotlib, Miri Hoffman-Kassif, Hana Levi, Zipora Levy, Ruth Luz, Dave Mitchell, Meir Natif, Tami Ramot, Roni Reuven, Neomi Schiller, Tsipi Shaish und Eli Wasserman.

Deutsche Teilnehmer sind Reinhard Ader, Gisela Desuki, Martin Eckrich, Fred Feuerstein, Klaus Fresenius, Holger Grimm, Frank-J. Grossmann, Ulrich Harer, Paul in den Eicken, Georg Karbach, Kurt Keller, Eva Korsmeier, Bertram Koser, Michael Lauter, Monica Lauter, Frank R. Liebscher, Mareile F. Martin, Markus Münzer, Andrea Niessen, Eberhard Spitzer, Margarete Stern, Hugo Weingardt und Günter Zink.

Durch den Abschluss der Verhandlungen zum Bau der Neuen Synagoge in Speyer ergab sich die Möglichkeit, die entstandenen 46 großformatigen Arbeiten in der ehemaligen Kirche St. Guido, dem zukünftigen Jüdischen Gemeindezentrum, in einer raumgreifenden Installation zu präsentieren. Der Künstlerbund Speyer, eine Vereinigung von derzeit 28 bildenden Künstlern, ist in den vergangenen Jahren immer wieder durch Ausstellungsaktionen an ungewöhnlichen Orten an die Öffentlichkeit getreten. Auch mit dieser Aktion gehen Ausstellungsort und Kunstwerke eine fruchtbare Symbiose ein.

Die Aktion wurde in einer umfangreichen Dokumentation belegt. In einem 128seitigen, reich bebilderten Katalog werden nicht nur Arbeiten und Künstler vorgestellt, auch einige Kapitel im Anhang geben interessante Hintergrundinformationen. So würdigt Dr. Werner Transier vom Historischen Museum der Pfalz die Bedeutung Speyers für das Judentum des Mittelalters, Prof. Dr. Hans Ammerich, Archivdirektor des Bistumsarchivs Speyer, beleuchtet die wechselvolle Geschichte des St. Guido-Stifts. Das Konzept zur Umgestaltung des bestehenden Kirchengebäudes und des Neubaus der Speyerer Synagoge wird vom Frankfurter Architekturbüro Prof. Alfred Jacoby präsentiert.

Natürlich kann diese Ausstellung nicht das zeitgenössische israelische und deutsche Kunstschaffen spiegeln – und das will sie auch nicht. Die ausgestellten Bildrollen sollen vielmehr als Botschaften der Kunst und der Künstler ihre eigene Dynamik entfalten: im Kontext mit den anderen Arbeiten, im Dialog mit dem besonderen Ort und dem erfreulichen Anlass dieser Ausstellung.

Unweit der ersten jüdischen Ansiedlung, auf historischem Boden, wurde - 900 Jahre nach dem ersten Synagogenbau und ein Menschenalter nach den unsäglichen Geschehnissen der Nazi-Zeit – am 9. November 2008 der Grundstein zur Neuen Synagoge in Speyer gelegt.

Möge es ein gutes Omen sein, dass unmittelbar nach dieser Grundsteinlegung und noch vor Baubeginn diese gemeinsame Aktion von 46 israelischen und deutschen Künstlern einen symbolhaften Neubeginn markiert. Neues entsteht nicht in Stein und Glas, es entsteht in den Köpfen der Menschen. In diesem Sinn versteht sich die gemeinsame Ausstellung von israelischen und deutschen Künstlern als konstruktiver Beitrag einer Annäherung.

Text:

Künstlerbund Speyer, Michael Lauter

Anfragen Abbildungen zur Veröffentlichung unter

info@kuenstlerbund-speyer.de

zurück
weiterzur Ausstellung
MegillaVernissageSZ91208
item2
item3
IMG6477
MegillaVernissageSZ91208item2item3IMG6477