| Mir ist keine Publikation bekannt, die sich mit der aktuellen Situation der Bildenden Künste in der Pfalz befasst. Soweit der ehemalige Bayerische Rheinkreis (seit 1816) bzw. die später (seit 1838) Rheinpfalz genannte Region gegenwärtig in Veröffentlichungen vorkommt, werden politische, wirtschaftliche oder historische Themen bevorzugt. Man beschäftigt sich mit Personennahverkehr, Infrastruktur, Landwirtschaft, Weinbau und Tourismus, Naturforschung, Landes- und Heimatpflege, Geschichte und Kirchenbau. Die heutige Kunstszene in dieser Region bleibt ausgespart, wenn man von Ausstellungskatalogen absieht. Es stellen sich mancherlei Fragen. Was heißt überhaupt Kunstszene? Gibt es eine regionale Identität? Genauer: Gibt es eine regionale Identität mit den Bildenden Küsten, also mit Architektur, Bildhauerei, Malerei, Grafik, Fotokunst usw.? Was ist gegebenenfalls das Spezifische in der Kunst in der Pfalz? Wer sind die Menschen und Einrichtungen in der Kunstszene Pfalz? Ich versuche, einige Aspekte für die Antworten zusammen zu tragen. Dafür wähle ich ein Raster mit vier Feldern. Die Kunstszene in der Pfalz und anderswo setzt sich zusammen aus Personen, Institutionen, Veranstaltungen und Medienpräsenz. Zunächst zu den Personen. Im Vordergrund stehen die Künstler. Ich denke dabei nicht an die verstorbenen Albert-Weisgerber-Preisträger Albert Haueisen und Otto Dill oder an die frühen Pfalzpreisträger wie Otto Kallenbach, Rudolf Scharpf, Werner Schreiner, Michael Croissent und Erich Koch oder an Purrmann-Preisträger wie Roland Berst, sondern an die lebenden bekannten und weniger bekannten Pfälzer Künstler unserer Tage. Sie sind teils geborene, teils erkorene Pfälzer. Ein Merkmal der Kunstszene der Pfalz sehe ich darin, dass die einheimischen Künstler die zugewanderten aufnehmen und sich mit ihnen freundschaftlich arrangieren. Der seit 20 Jahren tätige Künstlerbund Speyer hat von Anfang an diese Integration unterstützt. Meines Erachtens ist das auch die vornehmste Aufgabe von Künstlervereinigungen. Bekannt in der Pfalz sind die Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler, der Künstlerbund Rhein-Neckar und die Pfälzische Session. Gemeinsame Ausstellungen und Auseinandersetzungen belassen dem Einzelnen seine Individualität, erzeugen aber doch ein Gemeinschaftsgefühl, der lokalen oder regionalen Kunstszene anzugehören. In Ermangelung einer Kunstakademie oder eines anderen Kristallisationspunktes hat die Kunstszene Pfalz keine Schule(n) hervorgebracht. Die jungen eingeborenen Künstler werden häufig außerhalb der Pfalz ausgebildet und kehren zurück und bilden mit den zugezogenen Künstlern eine pluralistische Kunstszene in puncto Themen, Genres, Stilrichtungen, Komposition, Material, Techniken usw. Den Brückenschlag zwischen den Künstlern und zwischen ihnen und dem Publikum fördern im Übrigen die Kunstvereine, beispielsweise in Landau, Ludwigshafen, Neustadt und Speyer, um die größeren Kunstvereine zu nennen. Die Kunstvereine spielen in der Kunstszene Pfalz eine besonders engagierte Rolle, weil sie auch die Kontakte zu Kunstfreunden und Kunstförderern herstellen. Freilich bleibt alles in bescheidenem Rahmen: Großverdiener, bekannte Mäzene, Sponsoren und Sammler finden sich in der Pfalz keine (oder sollte ich vorsichtiger sagen: kaum mehr). In meinem zweiten Raster, den Institutionen in der Kunstszene Pfalz, müssen neben den Künstlervereinigungen und Kunstvereinen noch erwähnt werden die Kulturstiftungen, die Kirchen und Kommunen, die Museen - hier zuvörderst das Historische Museum der Pfalz und die Pfalzgalerie in Kaiserslautern -, das Land Rheinland-Pfalz sowie Sparkassen und die Landesbank Rheinland-Pfalz, Volksbanken und Raiffeisenbanken, andere Kreditinstitute und Unternehmen, auch Freiberufler, die durch Ankäufe, Zuschüsse und Präsentationen als Förderer auftreten - zugegebenermaßen in mehr oder weniger mittelständisch geprägtem Umfang. Weitläufige Happenings, avantgardistische Events, großzügige Zurschaustellungen über die Region hinaus finden in der Kunstszene Pfalz indessen nicht statt. Die Pfalz ist eben doch eine Art Diaspora ohne eigenes Zentrum fernab der Metropolen. Deshalb ist das dritte Betrachtungsobjekt, der Kunstmarkt, im wahrsten Sinn des Wortes auch minderbemittelt. Gewiss finden sich auch in der Kunstszene Pfalz Kulturuntemehmen, z.B. Galerien, Buchverlage, Kunstdruckereien, Gießereien und Kunstwerkstätten, die dem Publikum Kunstwerke, Bildbände usw. offerieren und verkaufen. Aber wie allgemein bekannt boomen sie nicht gerade. Das Angebot an Kunst ist vielfältig und zahlreich, die Nachfrage hingegen zögerlich und vereinzelt. Dementsprechend günstig erweisen sich die Preise beim Kauf von Kunstwerken in der Pfalz. Auswärtige Experten mögen vielleicht urteilen. "Was nichts kostet, ist nichts wert." Apropos Kosten und Käufe: Das kommerzialisierte Leben macht sich auch in der Pfalz breit, wo schnell Qualität mit Akzeptanz gleichgesetzt wird, also die Güte eines Kunstwerks an der kaufkräftigen Nachfrage gemessen wird. Dass die Qualität eines Kunstwerks auch von anderen Eigenschaften abhängt, nämlich von der Ästhetik, Kreativität, eigenen Handschrift, technischem Könnertum und nachhaltiger Wertigkeit wird in diesem rein ökonomisch beurteilten Fall übersehen. Bei einer Diagnose der Kunstszene Pfalz darf heutzutage die Kunst in den Medien nicht fehlen. Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und Internet erfüllen Aufgaben der Kommunikation. Doch in der Pfalz funktioniert das weitgehend nur für die Pfalz. Wann hat schon mal die FAZ, SZ oder Die Welt über einen lebenden Pfälzer Künstler oder über eine Kunstausstellung in der Pfalz berichtet? Außerhalb unserer Region nimmt keine überregionale Presse und kein Rundfunksender von der Kunstszene Pfalz Notiz! Wie gesagt: ich diagnostiziere die Kunstszene Pfalz und ich kann in dieser kurzen Rede keine therapeutischen Ratschläge zur Verbesserung dieser Situation geben. Aber einen Hinweis möchte ich mir doch erlauben. Die Ausgangslage der Kunstszene Pfalz ist gut, denn die Kunstszene Pfalz ist rege und will sich behaupten. Der tägliche Kampf des Künstlers mit den Herausforderungen der Kunst an sich selbst, das Kräftemessen mit den Kollegen und die Überzeugungsarbeit gegenüber den Kunstinteressierten - all das geschieht in der Pfalz mit großer Leichtigkeit. So gesehen ist die Kunstszene Pfalz ein Teil des Pfälzer Lebens, das sich durch Engagement, aber auch durch Gelassenheit auszeichnet und dem Motto folgt: "Et ibi cum ridemus", uf Pälsisch: "Etz lache mer als." Abschließend noch ein ganz persönliches Wort an die Mitglieder des Künstlerbundes Speyer. Sie kennen mich als einen Enthusiasten für die Kunst. Ich träume von der Wiederkehr der Auftragskunst im großen Stil, von zunehmenden Publikumszahlen, Förderern und Käufern sowie von einem überregionalen Echo und wünsche allen, dass aus diesem Traum ein Stückchen Realität wird. | |